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Für ein neues historisches sozialistisches Projekt

von Hugo Chavez

Mar del Plata ist das Grab der ALCA

Auszüge aus der Rede von Hugo Chávez, zum Abschluß des »Völkergipfels« in Mar del Plata (Argentinien) am 4. November 2005. Die Übersetzung basiert auf einer Mitschrift des venezolanischen Informations- und Kommunikationsministeriums.

 

Wir sind heute in Mar del Plata zusammengekommen, und jeder von uns hat eine Schaufel mitgebracht. In Mar del Plata begraben wir die ALCA (»Freihandelszone der Amerikas«, jW) (...) Wir, die Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts, haben eine doppelte historische Aufgabe: Wir müssen nicht nur der ALCA das Grab schaufeln (...), sondern auch dem Modell des Kapitalismus (...). Zwar ist die ALCA tot, aber das bedeutet nicht, daß der Kapitalismus auch tot ist, deshalb sage ich mit Nachdruck: Der nächste, den wir begraben müssen, ist der Kapitalismus. (...)

Unsere zweite Aufgabe besteht darin, eine neue Zeit hervorzubringen, eine neue Geschichte, eine neue Integration: die ALBA, eine Alternativa Bolivariana para las Américas (»Bolivarische Alternative für die Amerikas«, jW), für die Völker Amerikas, für Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden. Nur vereint können wir dies erreichen: den Kapitalismus begraben, um den Sozialismus des 21. Jahrhunderts zur Welt zu bringen, ein neues historisches sozialistisches Projekt. (...) Ich bin überzeugt, daß sich dieses Projekt schon im Bauch Amerikas befindet, jetzt müssen wir uns anstrengen, um es auf die Welt zu bringen, ihm Leben einhauchen und es gestalten. (...)

 

Alternativen von unten

Die Bolivarische Alternative für die Amerikas muß von unten aufgebaut werden, mit Beteiligung der Arbeiter, Indigenen, Bauern, Studenten, Frauen, Nachfahren von Afrikanern, der Fachleute und der Künstler. Alle haben wir darin unsere Aufgabe. Aber die ALBA wird nicht durch die Eliten aufgebaut, sondern von unten, von unseren eigenen Wurzeln her, mit unserem Schweiß, unserem Lehm, wie José Martí einmal gesagt hat: »Man muß radikal sein«. (...) Ich bin ein Radikaler. Laßt uns Radikale sein, radikal in unseren Prinzipien, fest verwurzelt – das Wort stammt von Wurzel: radikal revolutionär! Radikal humanistisch! Radikal patriotisch für das große Vaterland! Radikal dem Leben und den Völkern verpflichtet. Täglich radikaler! (...)

Was die ALCA versucht, ist die Konsolidierung der wirtschaftlichen Macht der großen multinationalen Konzerne und der Eliten, die die Länder lange Zeit beherrscht haben. (...) Die ALBA strebt die Befreiung der Völker an, die Umverteilung der Einkünfte unserer Völker, die Gleichheit, den Wandel des wirtschaftlichen Produktionsmodells, die soziale Integration. (...) Die Armut ist in Lateinamerika hauptsächlich aufgrund des kapitalistischen Modells und des Washingtoner Konsenses gewachsen. Vor 20 Jahren gab es in Lateinamerika 200 Millionen Arme, jetzt gibt es laut der neuesten Zahlen der CEPAL (Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik) 222 Millionen Arme. Vor 20 Jahren lebten 50 Millionen Lateinamerikaner in extremster Armut, heute sind es 100 Millionen. Heute sterben 27 von 1 000 Kindern an heilbaren Krankheiten. In Lateinamerika gibt es täglich mehr Hunger, mehr Elend, wegen des neoliberalen Modells, das unsere Völker erbarmungslos geißelt. Täglich gibt es mehr Reiche, täglich bereichern sich die Eliten mehr. (...)

Durch die ALBA, durch das strategische Abkommen zwischen Kuba und Venezuela, z. B., haben wir Venezolaner es geschafft, eine Krankheit unserer Zeit zu besiegen: den Analphabetismus. In weniger als zwei Jahren haben wir in Venezuela den Analphabetismus abgeschafft, dank der Unterstützung durch die kubanische Revolution. (...) In weniger als zwei Jahren haben anderthalb Millionen Venezolaner lesen und schreiben gelernt (...), und vor einer Woche ist Venezuela von der UNESCO zum Territorium ohne Analphabetismus erklärt worden, dank der kubanischen Methode »Ich kann doch«. Dies ist die ALBA in Lateinamerika. Das ist einer der Vorschläge, die ich auf dem Gipfel in Mar del Plata einbringen werde, dem Gipfel der Präsidenten: Daß wir aufhören, von Gipfel zu Gipfel zu schreiten und Reden und noch mehr Reden zu schwingen, Erklärungen und noch mehr Erklärungen zu verfassen, sondern direkt gegen den Analphabetismus kämpfen. (...) In Lateinamerika gibt es heute 40 Millionen Analphabeten, und wenn wir den funktionalen Analphabetismus betrachten, sind es 200 Millionen.

Wie kann sich jemand vorstellen, daß wir mit dieser schrecklichen Last, die unsere Völker nach Jahrhunderten der Sklaverei, der Ausbeutung und Unterordnung mit sich herumtragen, wie kann sich jemand vorstellen, daß wir, solange wir den Analphabetismus nicht besiegen, vorankommen können? (...)

 

Kennedy

(...) Kennedy verstand allem Anschein nach wenigstens teilweise die Realität der Welt, und in einer Rede vor dem Kongreß der USA sagte er: »Es gibt eine Revolution im Süden, und die Ursache dieser Revolution ist der Hunger, ist die Armut, nicht der Kommunismus..« (...) Kennedy sagte, daß man den Programmen zur Aufstandsbekämpfung eine Agrarreform zur Seite stellen müßte.. (...) Kennedy schlug auch eine Steuerreform vor, um von den Reichen mehr Steuern einzunehmen und die Einkünfte umzuverteilen. Kennedy sagte mit einer für seinen Standpunkt beeindruckenden Klarsicht: »Die, die der friedlichen Revolution den Weg versperren, ebnen gleichzeitig der gewaltsamen Revolution den Weg.« Und forderte die Regierung dazu auf, eine friedliche Revolution durchzuführen. (...)

 

Erdöl

Ich werde euch hier nun etwas im geheimen verraten, was ich später in der Runde der Präsidenten sagen werde: Venezuela ist ein unterentwickeltes, armes Land, das eine sehr schwere Last trägt, ein drückendes Erbe von Armut und Ungleichheit. Dennoch haben wir aufgrund der Erhöhung der Erdölpreise (...) Petrocaribe ins Leben gerufen. Venezuela wird 14 Karibikstaaten Erdöl liefern. Wir räumen einen 40prozentigen Nachlaß auf den Preis pro Barrel ein, das Öl muß erst innerhalb eines Zeitraums von 25 Jahren bezahlt werden, die Zinsen betragen ein Prozent, die ersten drei Jahre verzichten wir auf die Tilgung der Schuld. Jeder, der rechnen kann, wird feststellen, daß diese Modalitäten eine Schenkung von nahezu 70 Prozent bedeuten (...). Außerdem kann das Öl mit Gütern und Dienstleistungen abbezahlt werden, nicht notwendigerweise mit Geld. Das ermöglichen wir, um den kleinsten, den schwächsten Ländern zu helfen, unseren Brüdern, die die meisten Schwierigkeiten haben.

Nicht nur in der Karibik, auch hier in Argentinien haben wir einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. (...) Venezuela wird Argentinien fast acht Millionen Barrel Gasöl liefern, und Argentinien bezahlt nicht mit Geld, sondern mit Zuchtrindern zum Beispiel, oder Ärzteteams, die auf den Kampf gegen den Krebs spezialisiert sind. Auch mit der Regierung Uruguays schließen wir einen Vertrag zur Erdöllieferung ab. (...) Seit fast 100 Jahren beutet Venezuela Erdöl aus und war fast 30 Jahre lang der weltgrößte Erdölexporteur, aber wir waren eine nordamerikanische Kolonie. Alles Erdöl ging nach Norden. Zum ersten Mal seit 100 Jahren fährt ein venezolanisches Schiff mit Erdöl für das argentinische Volk zum Río de la Plata. (...) Vor drei Monaten fuhr zum ersten Mal ein venezolanischer Tanker nach Uruguay und brachte das Erdöl in eine dortige Raffinerie zur Weiterverarbeitung. (...) Wir verhandeln darüber, daß ein Teil der Rechnung mit Zement und anderen Gütern und Dienstleistungen beglichen wird, um die Schuldenlast dieser Regierungen nicht weiter zu erhöhen, und damit sie schneller ihre Sozialprogramme umsetzen können.

Argentinien haben wir Staatstitel (Bons) für fast eine Milliarde US-Dollar abgekauft. Das gab es hier noch nie, daß ein lateinamerikanisches Land von einem anderen Bons erwirbt, um soziale Entwicklungspläne zu finanzieren, und das, obwohl wir selbst eine hohe Schuldenlast zu tragen haben.

 

Bündnis gegen den Hunger

(...) Die Alianza Contra el Hambre, ALCHA, ist ein Bündnis gegen den Hunger, ein Plan von 2005 bis 2015, um in zehn Jahren den Hunger in unseren Ländern zu besiegen. (...) Venezuela stellt dafür von seinen eigenen Ressourcen (...) zehn Milliarden Dollar zur Verfügung (...). Ich bin mir sicher, obwohl ich Fidel Castro nicht gefragt habe (...), daß er an diesem Bündnis gegen den Hunger teilnehmen wird, genau so wie am Kampf gegen den Analphabetismus und an den Gesundheitsprogrammen. (...) Ich bin mir sicher, daß das die ALBA ist (Alba bedeutet auch Morgendämmerung, Tagesanbruch, jW).

Laßt uns dem Sozialen die Priorität geben, laßt uns tief humanistisch handeln, laßt uns dem Leid der Menschen die Priorität geben, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, das ist die ALBA. Die ALBA ist auch das, was vor zwei Wochen in Caracas stattfand: das erste internationale Treffen der Arbeiter von selbstverwalteten Betrieben. Arbeiter aus Argentinien, Brasilien, Uruguay, Paraguay, Haiti, Kolumbien, Venezuela, aus mehr als zehn Ländern, Gewerkschaftsführer, Gewerkschaftsdachverbände haben ihre Zusammenarbeit vereinbart. Um ein Beispiel zu nennen. Es gibt ein uruguayisches Unternehmen, das Leder verarbeitet, aber keine Kredite bekommt, also über kein Kapital verfügt, um Primärmaterial einzukaufen. Venezuela hat angeboten, das Primärmaterial zu liefern, damit es von dem uruguayischen und einem venezolanischen Betrieb verarbeitet werden kann. Einem brasilianischen Unternehmen, das Plastik verarbeitet, aber aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten nicht genug Plastikartikel herstellen kann, wurde von Venezuela angeboten, Primärmaterial geliefert zu bekommen. Sie werden uns dafür Produkte zu niedrigen Kosten abgeben, und später werden wir ein strategisches Bündnis schließen, um diese Produkte auf unsere Märkte zu bringen, um die Nachfrage unserer Völker zu befriedigen.

Bei diesem Treffen entstand die Idee, Empresur (Zurückeroberte Fabriken des Südens) zu gründen. Das ist die ALBA. Die ALBA ist auch die Petrosur, ein strategisches Bündnis zwischen den südamerikanischen Erdölgesellschaften Pdvsa, Petrobrás, Ancap und Enarsa, um unser Erdöl gemeinsam auszubeuten, zu verarbeiten und zu verkaufen. Venezuela ist kurz davor, hier in Argentinien eine Raffinerie zu erwerben. Wir werden in diese Raffinierie und ein Vertriebssystem für Brennstoffe fast 100 Millionen Dollar investieren. Dasselbe in Brasilien: Wir haben mit Petrobrás ein Abkommen geschlossen und werden eine große Raffinerie in Pernambuco aufbauen, im Nordosten Brasiliens, um venezolanisches Erdöl dorthin zu verschicken und zu verarbeiten und die gesamte Bevölkerung Nordbrasiliens zu versorgen, die bislang Schwierigkeiten hatte, an Energie zu gelangen.

 

»Zweite Unabhängigkeit«´

Compañeros und Compañeras, ich möchte euch sagen, Venezuela verfügt über die weltgrößten Erdölreserven, die achtgrößten Erdgasvorkommen – deshalb werden wir zum Ziel der imperialistischen Aggressionen. Venezuela hat Erdöl und Erdgas, um die Völker Lateinamerikas die nächsten 200 Jahre hindurch zu beliefern. Die Völker Lateinamerikas können auf die Unterstützung Venezuelas zählen, für die Entwicklung ihres Energiesektors, ihrer Gesellschaften und ihrer Technologien.

Zum Abschluß einige Grundzüge unseres Vorschlags für eine Bolivarische Alternative für die Amerikas. Telesur, das südamerikanische Fernsehen, ist bereits auf Sendung, ein Vorschlag, den wir vor ein paar Jahren gemacht haben, und es erreicht täglich mehr Menschen. (...) Das Fernsehen der ALBA, der Integration der ALBA. Denn es ist wichtig, daß wir unsere Gesichter sehen und unsere Stimmen hören, nicht das, was uns die CNN und die großen Kabelkanäle aus dem Norden vorsetzen. Daß wir unsere Gesichter sehen und unsere Traditionen bewahren, unsere Kulturen. (...)

Heute morgen habe ich militärische Ehren empfangen, als ich aus dem Flugzeug stieg, und ich habe mich mit einem argentinischen Soldaten unterhalten. Ich weiß, welche Traumatisierungen die Völker hier durch ihre Soldaten erlitten haben, aber diese Soldaten aus Argentinien, Uruguay, Brasilien, Venezuela, Bolivien und Ekuador müssen wieder die ursprünglichen Fahnen der Befreier dieser Länder hochhalten, der Befreiungskämpfer. (...) Denn der nordamerikanische Imperialismus ist in die Streitkräfte unserer Völker eingedrungen, hat Diktatoren ausgebildet und Soldaten das Foltern, das »Verschwindenlassen«, den Kampf gegen das eigene Volk gelehrt. (...) Oftmals handelten die Streitkräfte unserer Völker als Besatzungsmächte im eigenen Land, ich gehöre zu den venezolanischen Streitkräften, die die Fahne Bolivars gehißt und sich dem Volk angeschlossen haben, um eine Revolution zu machen.

 

Ich sah diesen Soldaten, das Gewehr an der Schulter, wie er mir die militärischen Ehren erwies und blieb vor ihm und einem anderen stehen und grüßte sie und sagte zu dem einen leise: »Vergiß nicht, daß dieses Gewehr, das du vor der Brust trägst, dazu dient, das argentinische Volk zu verteidigen, seine Souveränität, seine Würde.« Und ich sah in den Augen dieses Soldaten das Funkeln des Bewußtseins. Ich bin mir sicher, daß wir in dem Maße, wie sich unsere Völker entwickeln, einen Weg ebnen für die endgültige Befreiung unseres Amerikas. Wir werden täglich stärker auf die Unterstützung unserer Soldaten zählen können. (...) Denn heute geht es um die zweite Unabhängigkeit, was wir heute unternehmen, hat bereits José Martí um 1880 gesagt, als er zu den Völkern Lateinamerikas sprach: »Es schlägt die Stunde der zweiten Unabhängigkeit«. Wir brauchen alle bewußten Männer und Frauen.

 

SATO statt NATO?

 

Als ich zu dem Soldaten sprach, fragte ich mich: Warum kann es nicht wie die NATO eine SATO (»Südatlantikpakt« - jW) geben. Damit wir, falls es eines Tages wieder so etwas wie den Fall der Malwineninseln gibt, unsere Streitkräfte verbünden, um unsere Souveränität zu verteidigen, um selbst unsere Sicherheits-, Verteidigungs- und Souveränitätskonzepte zu definieren und nicht weiter vom Kommando Süd der Vereinigten Staaten abhängig zu sein.

Unabhängigkeit, sagte Martí. Unabhängigkeit sagen wir heute auf diesem dritten Gipfel der Völker. Ich schließe aus ganzem Herzen mit dem Ausspruch von Martí: »Es schlägt die Zeit der zweiten Unabhängigkeit der Völker Amerikas«. Die Zeit ist gekommen. Eine bolivarische, eine sanmartinische, eine peronistische, eine guevaristische, eine revolutionäre Umarmung euch allen. (...) Und vielen Dank für diese wunderbare Veranstaltung, ich begebe mich jetzt auf den anderen Gipfel und trage den Geist und die Worte von euch mit mir (...) Vaterland oder Tod, wir werden siegen! Es lebe Che Guevara!

Zusammenstellung und Übersetzung: Timo Berger. Die vollständige Rede auf Spanisch argentina.indymedia.org/news/2005/11/345552.php

aus Junge Welt

 

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