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Eine Pause für den Frieden

von Ahmed Yousef

Bei uns in Gaza träumen Wenige vom Frieden. Zur Zeit wagen die meisten nur von der Abwesenheit des Krieges zu träumen. Aus diesem Grund schlägt Hamas einen langfristigen Waffenstillstand vor, während dessen die Völker Israels und Palästinas versuchen können über einen dauerhaften Frieden zu verhandeln.

Ein Waffenstillstand wird im Arabischen als eine "Hudna" bezeichnet. Eine "Hudna", die normalerweise für einen Zeitraum von zehn Jahren gilt, wird im islamischen Recht als legitimer und bindender Vertrag anerkannt. Eine Hudna geht über das westliche Konzept eines Waffenstillstands hinaus und verpflichtet die Parteien, während dieser Zeit nach einer dauerhaften, gewaltlosen Lösung ihrer Differenzen zu suchen. Der Koran räumt solchen Bemühungen einen hohen Stellenwert ein, zu einer Verständigung zwischen verschiedenen Völkern zu kommen. Während der Krieg die Feinde entmenschlicht und das Töten erleichtert, eröffnet eine Hudna die Chance, die jeweilige Gegenseite zu humanisieren und ihre Position zu verstehen mit dem Ziel ihre ethnischen oder internationalen Streitigkeiten zu lösen.

Ein solches Konzept – eine Periode des Nicht-Kriegs, und der nur partiellen Lösung eines Konflikts – ist dem Westen fremd und wurde mit großer Skepsis aufgenommen. Viele Menschen des Westens, mit denen ich spreche, können sich nicht vorstellen, wie man die Gewalt beenden kann, ohne gleichzeitig den Konflikt zu beenden.

Ich möchte indessen behaupten, dass dieses Konzept gar nicht so fremd ist wie es scheint. Schließlich hat die Irisch Republikanische Armee zugestimmt, ihren bewaffneten Kampf zur Befreiung Nordirlands aus britischer Vorherrschaft aufzugeben, ohne die britische Souveränität anzuerkennen. Irische Republikaner streben weiterhin nach einem vereinten Irland, frei von britischer Vorherrschaft, aber dieser Kampf beruht auf friedlichen Methoden. Wäre die IRA gezwungen worden, ihre Vision einer vereinigten Irland aufzugeben, bevor es zu Verhandlungen kam, hätte sich der Frieden nie durchsetzen könne. Warum sollte man von den Palästinensern mehr verlangen, vor allem da der Geist unseres Volkes das nie zulassen würde.

Wenn Hamas sein Wort zu einer internationalen Vereinbarung gibt, geschieht das im Namen Gottes; daher hält Hamas Wort. Hamas hat die vorhergehenden Waffenstillstände eingehalten, was die Israelis nur widerwillig mit den sattsam bekannten Worten quittierten: "Hamas hält doch am allerwenigstens, was es verspricht."

Dieses Waffenstillstandsangebot ist keine List, wie manche behaupten, um unseren Militärapparat zu stärken oder um Zeit zu gewinnen, um unsere Organisation zu verbessern oder die Gewalt über die Palästinensische Verwaltung zu konsolidieren. Tatsächlich haben glaubensgestützte politische Bewegungen in Algerien, Ägypten, Irak, Jordanien, Kuwait, Malaysia, Marokko, Türkei und Jemen hudna-ähnliche Strategien verfolgt, um eine Ausweitung von Konflikten zu vermeiden. Hamas wird sich klug und ehrenhaft ebenso verhalten.

Wir Palästinenser sind bereit zu einem Waffenstillstand, der zu einem sofortigen Ende der Okkupation führt und eine Periode der friedlichen Koexistenz einleitet, in der sich beide Seiten jeder Form militärischer Aggression oder Provokation enthalten. Sollten die Verhandlungen zur Erzielung eines dauerhaften Abkommens scheitern, wird die nächste Generation von Palästinensern und Israelis entscheiden, ob sie die Hudna und die Suche nach einem Verhandlungsfrieden erneuert oder nicht.

Eine umfassende Lösung des Konflikts kann es weder heute, noch in einer Woche, in einem Monat oder auch nur in einem Jahr geben. Ein Konflikt, der so lange schwärte, mag allenfalls in einer Dekade friedlicher Koexistenz und Verhandlungen gelöst werden. Das ist die einzige sichtbare Alternative zur gegenwärtigen Situation. Eine hudna wird zu einem Ende der Besatzung führen und Raum und Ruhe schaffen, die nötig sind, um alle anstehenden Probleme zu lösen.

Wenige in Gaza träumen. Für die meisten war es in den vergangenen sechs Monaten sogar schwierig, überhaupt zu schlafen. Aber die Hoffnung ist nicht tot. Und wenn wir zu hoffen wagen, dann sehen wir dies: einen zehnjährigen Waffenstillstand, während dessen, Inschallah (so Gott will), wir wieder lernen vom Frieden zu träumen.

 

Ahmed Yousef ist der Chefberater des Palästinensischen Premierministers Ismail Hanija

 

Anmerkung:

Der englische Text dieser Erklärung wurde auf der Nahostkonferenz von Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Fraktion DIE LINKE im Bundestag am 4. November 2006 in Berlin von einem Vertreter der palästinensischen Delegation verlesen. Einem offiziellen Hamas-Vertreter war die Einreise durch das deutsche Außenministerium verweigert worden.

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