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No queremos Vivir Mejor, queremos vivir Bien!

von Christophe Aguiton

Ein Aufruf zum „Guten Leben“

Die Krise, oder genauer gesagt, die Krisen, standen im Mittelpunkt der Diskussionen beim Weltsozialforum in Belem. Dutzende von Konferenzen und Seminaren behandelten verschiedene Aspekte der Wirtschafts- und Finanzkrise, der Klimakrise sowie der Ernährungskrise, und zahlreiche Aufrufe und Erklärungen wurden verabschiedet. Unter diesen verdient es ein „Aufruf der indigenen Völker an das Weltsozialforum von Belem angesichts der Krise der Zivilisation“, vorgestellt und hervorgehoben zu werden.

Dieser Aufruf wurde auf Vorschlag der Organisationen aus den Anden von vielen Dutzenden, hauptsächlich amerikanischen indigenen Organisationen unterzeichnet. Dieser Aufruf will mit jenen Antworten brechen, welche die Rolle des Staates hervorheben und verstärken wollen und sich auf die Pläne zur Wiederbelebung der Wirtschaft stützen. Sein Ziel ist - als Antworten auf die Krise der Zivilisation - gegen die Vermarktung des Lebens zu kämpfen, für die Verteidigung der „Mutter Erde“ und für kollektive Rechte, für das „Gute Leben“ und für die Entkolonialisierung zu streiten.

Der Aufruf beschreibt die Krise der Zivi-lisation als ein Zusammentreffen aus den Krisen der Wirtschaft, der Umwelt und der demokratischen Legitimation. „No queremos Vivir Mejor, queremos vivir Bien!“ (1) Die Antworten zu diesen Krisen sind das Konzept eines „Guten Lebens“, das dem „besser leben“ gegenübersteht, welches lediglich an den Anstieg der materiellen Reichtümer und den Verbrauch von Gütern gebunden sei; die Verteidigung der Güter, die der Gemeinschaft gehören; ein demokratischer Prozess, welcher die Verantwortlichen der direkten Kontrolle derjenigen unterwirft, die sie in ihre Ämter gebracht haben und welcher mit der Konzeption des Staates bricht, der aus der Kolonialmacht entstanden ist und diesen ersetzt durch einen dezentralisierten und multinationalen Staat, in dem alle Gemeinschaften ihre Beziehungen untereinander auf gleicher Ebene gestalten.

Die indigenen Völker der Anden spielen eine zentrale Rolle in diesem Aufruf, was sich durch eine Besonderheit erklärt. Im Gegensatz zu den Völkern am Amazonas oder auch denen Zentralamerikas besitzen die Andenvölker nur zwei gemeinsame Sprachen, Quechua und Aymara, was den Austausch in den sechs Ländern der Andenkordilliere erleichtert. In den drei zentralen Staaten - Ecuador, Peru und Bolivien – stellt die indigene Bevölkerung die Mehrheit, während die weißen Eliten immer schon, - und bis in die jüngste Vergangenheit - die Macht hatten, so sehr, dass die Weißen oft als „Pizarros“ bezeichnet werden, Nachfahren von Francisco Pizarro, dem spanischen Eroberer, der, den Spuren Cortes’ folgend, das Inkareich besiegt hat und so die spanische Vorherrschaft in der Region sicherte.

Dies hat eine Situation geschaffen, in der der demokratische Kampf um eine Machtübernahme der indigenen Mehrheit mit der Verteidigung der besonderen Rechte dieser Gemeinschaften und der Suche nach einer neuen Form der Beziehungen zwischen den verschiedenen Bestandteilen in jedem Staat der Region verschmolzen ist. Eine Lage, die sehr verschieden von der in Mexiko ist, wo die revolutionären Prozesse vom Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts und der Machtantritt von indigenen bzw. Mestizen-Führern ein Nationalgefühl entstehen ließen, welches sich nicht mit den Forderungen der indigenen Gemeinschaften deckt.

Wenn die indigene Identität ihre Wurzeln aus dem Amerika vor Kolumbus bezieht, so nährt sie sich auch von militanten und intellektuellen Beiträgen und Erfahrungen noch aus jüngster Zeit.

In Bolivien hat die Bergarbeitergewerkschaft, das Rückgrat des bolivianischen Gewerkschaftsdachverbands COB (Central Obrera Bolivana), eine entscheidende Rolle in der Revolution von 1953 und im Widerstand gegen die Militärdiktaturen der 60er und 70er Jahre gespielt und viele Gewerkschafter aus dem Bergbau, die jedoch durch Minenschließungen oder Entlassungen gezwungen waren, auf das Land zurückzukehren, wurden zu Kadern der Bauernbewegung, die Evo Morales an die Macht brachte.

In Peru wurde das Ergebnis des Krieges, den der Leuchtende Pfad geführt hat, von den indigenen Bewegungen einbezogen, indem es ihr Misstrauen sowohl gegen-über einer Staatsmacht, die einen Krieg gegen die Aufständischen geführt hat und dabei die Morde vervielfacht hat und die Kämpfe des Volkes unterdrückt hat, als auch gegenüber einer gewalttätigen und sektiererischen politischen Tradition geschärft hat. Auf intellektuellem Gebiet haben sich die indigenen Bewegungen von den Ideen des portugiesischen Soziologen Boaventuro do Santos und insbesondere von den Arbeiten Anibal Quijanos anregen lassen, eines peruanischen Soziologen, der den untrennbaren Charakter des Kolonialismus und des Rassismus im „patrón de poder“ (2) erklärte, der sich in Lateinamerika seit dem 16. Jahrhundert ausbreitete und dem europäischen Universalismus eine besondere Färbung verliehen hat (3).

Das Interessante an diesem Aufruf ist, eine Alternative aufzuzeigen, die sich wesentlich von den neo-keynesianischen und neo-fordistischen Antworten unterscheidet, welche in den sozialen Bewegungen und in den linken Parteien die Oberhand haben. Der Aufruf umgeht gleichfalls die Klippe der „negativen Wachstums“, indem die Fragestellung gewechselt wird: Es geht nicht darum, unseren Konsum generell und in abstrakter Art zu vermindern, welches ganz offensichtlich für hunderte von Millionen, ja Milliarden von Bewohnern dieses Planeten nicht hinnehmbar ist, die an Hunger leiden, an Wohnungsnot, am Fehlen öffentlicher Dienste und erreichbarer medizinischer Versorgung, sondern darum, gegen die Konsumideologie zu kämpfen, indem von der Lebensqualität ausgegangen wird und nicht von der Menge der verbrauchten Güter.

Vom Konzept des „Guten Lebens“ auszugehen erlaubt gleichzeitig eine Gesamtperspektive der Veränderung für alle jene, die nicht mehr an die Modelle sozialer Transformation glauben, welche durch die Linke in den vergangenen Jahrzehnten verbreitet wurden, und die sich daher den Philosophien des „Guten Lebens“ zugewandt haben oder auch sich auf ihre persönliche Entwicklung konzentriert haben. Der Paradigmenwechsel, den dieser Appell mit sich bringt, benötigt Debatten und erfordert Klärungen und Verbesserungen. Afrikanische Teilnehmer des WSF haben bereits mitgeteilt, dass sie Schwierigkeiten haben, die Vision eines multinationalen Staats zu akzeptieren, der auf Identitäten aufgebaut ist, die ihnen zu sehr mit Stammesgruppen verbunden erscheinen. Die Verbindung zwischen der Verteidigung der Gemeinschaften und ihrer demokratischen Traditionen einerseits und der Dezentralisation von Regierungseinrichtungen auf der Basis von geographischen Gegebenheiten andererseits muss überzeugend dargestellt werden, aber das Interessante an diesem Aufruf ist, eine universelle Perspektive zu geben, die auf der Verteidigung der gemeinsamen Güter beruht, also Güter, die die natürlichen Ressourcen, materielle Güter als auch die Kenntnisse und Traditionen einschließen, welche auf gegenseitigem Beistand und Solidarität beruhen.

Der Aufruf schlägt schließlich einen Aktionsplan vor. Das erste Treffen ist den indigenen Gemeinschaften vorbehalten, doch wird es entscheidend sein. Vom 27. bis zum 31. Mai 2009 werden in Puno (Peru) etwa 5000 Teilnehmer zum IV. kontinentalen Gipfeltreffen der indigenen Völker und Nationalitäten erwartet, das unter dem Titel „Für Staaten mit mehreren Nationalitäten und das Gute Leben“ steht, diese Versammlung wird über die Formen der Mobilisierung entscheiden. Für den 12. Oktober, Jahrestag der Ankunft der Spanier in Amerika, schlägt der Aufruf einen weltweiten Aktionstag vor und schließlich für Anfang 2010 die Organisation eines thematischen Weltforums zur „Krise der Zivilisation“.

Anmerkungen:
(1) vgl. das Gespräch mit Miguel Palacin Quispe, Chefkoordinator der CAOI (Coordinadora Andina de Organizaciones Indigena)
(2) auf Englisch „Pattern of Power“, Rahmen oder Struktur der Macht
(3) Ähnliche Ideen wurden von Immanuel Wallerstein in seinem letzten Werk „Die Barbarei der Anderen – Europäischer Universalismus“ entwickelt, der von dem Streitgespräch von Valladolid ausgeht, wo Juan Ginés de Sepúlveda und Bartholomäus de las Casas sich darüber stritten, ob die Indianer eine Seele hätten.

Originalartikel auf www.cetri.be
Übersetzung: coorditrad

 

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