Die Herausforderung liegt darin, eine Massenbewegung aufzubauen, weltweit und national, um eine antikapitalistische Antwort auf die Krise zu befördern. Demokratie in der Wirtschaft, mehr Demokratie in der Politik müssen die Ziele sein
Frage: Dr. Bello, wie schätzen Sie die Auswirkungen dieser Krise auf den globalen Süden ein?
Walden Bello: Sie werden massiv sein. Am stärksten werden diejenigen Volkswirtschaften leiden, die sich vollständig der Globalisierung geöffnet haben und ihr Wachstum etwa durch exportorientierte Industrialisierung an die Märkte im Ausland geknüpft haben. Weit weniger betroffen sind dagegen Länder mit geringerem Öffnungsgrad, zum Beispiel viele Staaten in Afrika.
Frage: Welche Effekte hat die Krise bereits?
Walden Bello: In Ostasien sind die Exporte steil abgestürzt. In China haben in den vergangenen Monaten laut Regierungsangaben bereits 20 Millionen Arbeiter ihre Jobs verloren. Der Wert des koreanischen Won ist um mehr als 30 Prozent gefallen. Die Überweisungen südostasiatischer Arbeitsmigranten in ihre Heimatländer sinken gewaltig und entlassene Arbeiter kehren nach Indonesien und auf die Philippinen zurück. Die Agrarexporte von Argentinien und Brasilien befinden sich im freien Fall.
Frage: Wird sich die Situation weiter verschlimmern?
Walden Bello: Ja, definitiv. Wir sind erst am Beginn des weltweiten Absturzes. Ich weiß nicht, wann der Tiefpunkt erreicht sein wird - und wie lange die Weltwirtschaft dort dann verharrt. Die globale Ökonomie ist wie eingetroffenes deutsches U-Boot, das mit großer Geschwindigkeit zum Meeresboden sinkt. Wenn es dort aufgeschlagen ist, weiß niemand, wie die Besatzung es jemals wieder flott bekommt und zum Aufsteigen bringt. Wird die Mannschaft es mit mühseligen Manövern wieder an die Oberfläche bringen, wie in dem Film "Das Boot", oder wird es auf dem Meeresboden bleiben? Ebenso wenig wissen wir, ob keynesianische Wiederbelebungsversuche die Wirtschaft in Schwung bringen werden.
Frage: Wie beurteilen Sie das Programm der US-Administration unter Präsident Barack Obama?
Walden Bello: Barack Obama im Hinblick auf die Weltwirtschaft? In der Wirtschaftspolitik wendet sich die Administration nach innen und damit von Globalisierung und Freihandel ab. Sie spricht sich zwar für Multilateralität und gegen Protektionismus aus, aber das sind bislang nur Worthülsen. Obamas erste Priorität ist die Stabilität der US-Ökonomie. Das Ausland kann warten. Rhetorisch werden die USA beim G20-Treffen in London eine führende Rolle übernehmen, wenn es um die globale Finanzarchitektur und starke Regulation geht. Ich denke allerdings, der Fokus regulativer Kontrollen wird im Inneren liegen. Erst wenn der Absturz der US-Ökonomie gestoppt ist, wird sich Obama internationalen Wirtschaftsthemen zuwenden.
Frage: Wie sieht es mit der Europäischen Union aus?
Walden Bello: Die EU wird sich wahrscheinlich auch mehr nach innen wenden. Dabei bleibt abzuwarten, ob sie sich für überlebensfähige politische Konzepte für die gesamte Region entscheidet oder aber in nationale Stabilisierungskonzepte zurückfällt. Ich denke, dass die Unterstützung für Multilateralismus und weltweite Politikansätze in Europa erodieren wird. Es wird eine ähnliche Binnenorientierung geben wie in den USA. Sorge bereitet mir zudem, was den Arbeitsmigranten aus dem Osten und dem Süden angesichts einer schrumpfenden Wirtschaft in der EU bevorsteht. Rassismus und ethnische Vorurteile könnten sich auszutoben.
Frage: Erwarten Sie, dass die G20 die ökonomischen Turbulenzen in den Griff bekommen?
Walden Bello: Nein. Die Voraussetzungen für ein neues Bretton-Woods-System sind nicht gegeben. Jeder ist sich immer noch selbst der Nächste. Es gibt wenig Unterstützung für eine Reform des IWF und eine stärkere Rolle der Weltbank. Zudem wird in der WTO der Abschluss der Doha-Runde nicht vorangetrieben, da viele Verhandler der Globalisierung misstrauen. Zudem ist im Basel-Prozess versäumt worden, den Banken den nötigen Regelungsrahmen zu geben. Es wird viele nette Worte über Multilateralismus geben - aber wenige Taten.
Frage: Was müsste dringend getan werden, um die Vertiefung der Deglobalisierung und Desintegration zu verhindern?
Walden Bello: Deglobalisierung darf nicht mit Desintegration gleichgesetzt werden! Angesichts der Exzesse der Globalisierung und des Ausmaßes, in dem sie ganze Volkswirtschaften verwundbar bis zum Zusammenbruch machte, weil sie Märkte und Produktionen integrierte und schützende Grenzen zwischen der Binnen-Ökonomie und der internationalen Ökonomie beseitigte, angesichts dieser Tatsachen ist Deglobalisierung, begleitet von wirtschaftlicher Regionalisierung und gestärkten nationalen Ökonomien, eine gute Sache. Das Problem mit der Globalisierung besteht darin, dass sie nationale Ökonomien zerstörte. Die Herausforderung für uns besteht jetzt darin, ein Weltsystem zuschaffen, in dem die Teilnahme an der internationalen Ökonomie die Kapazitäten der nationalen Ökonomien stärkt statt sie zu zerstören.
Frage: Was sollte der Beitrag des politischen und sozialkritischen Spektrums im Norden sein, um die Desintegration zu verhindern?
Walden Bello: Wir müssen das als eine Gelegenheit sehen, eine deglobalisierte Welt zu schaffen, in der es mehr Gleichheit zwischen und innerhalb der Länder gibt. Eine Welt, in der die Länder eine Wirtschaftpolitik betreiben können, die sich im Einklang befindet mit ihren Werten, ihren Zielen und ihren gesellschaftlichen Rhythmen - statt eingeklemmt zu sein in ein neoliberales "ein-Schuh-für-alle-Modell". Eine Welt, in der Vielfalt – wie in der Natur – als Stärke angesehen wird. Eine Welt, in der es Raum gibt für nachhaltige Entwicklungspolitik, die nicht das Hoch-Konsumtionsmodell des Nordens reproduziert.
Ich wiederhole: Die Krise eröffnet Chancen!
Frage: Wie schätzen Sie den Zustand der Linken und der sozialen Bewegungen derzeit ein?
Walden Bello: Die Linke hat das theoretische Rüstzeug für das Verständnis der Krise. Besonders wichtig ist dabei die marxistische Analyse - einschließlich der Einsichten von Rosa Luxemburg -, dass der Kapitalismus zu Überakkumulation und Überproduktion tendiert. Die Herausforderung liegt darin, eine Massenbewegung aufzubauen, weltweit und national, um eine antikapitalistische Antwort auf die Krise zu befördern. Demokratie in der Wirtschaft, mehr Demokratie in der Politik müssen die Ziele sein. Wir müssen uns beeilen, denn wenn wir keine linken Angebote für die Leute haben, lassen sie sich vielleicht von Rechten überzeugen. Wir wollen nicht, dass Länder wieder in ein Szenario wie das von Deutschland in den 1930er-Jahren zurück fallen!
Das Interview führte Henning <st1:personname w:st="on">Heine</st1:personname>; Übersetzung <st1:personname w:st="on">SiG</st1:personname>-<st1:personname w:st="on">Redaktion</st1:personname>
Originaltext: > focusweb.org/die-tagezeitung-interviews-walden-bello.html?Itemid=1


