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Marokko: Gefängnisstrafen nach sozialen Protesten

Erklärung von ATTAC Frankreich, 13. April 2009

Sidi Ifni, eine kleine Hafenstadt im Süden Marokkos mit 20 000 Einwohnern, erfuhr am 7. und 8. Juni 2008 eine äußerst brutale Repressionswelle. Dies geschah als Antwort auf eine soziale Bewegung, die seit Jahren eine echte Entwicklung der Region sowie die Verbesserung öffentlicher Dienste fordert.

22 Aktivisten und Verantwortlichen von Organisationen, unter ihnen mehrere Mitglieder von Attac-Marokko, wurden verhaftet und angeklagt. Am 9. April fand ihr Strafprozeß im Gericht von Agadir statt.   An demselben Tag fand in Sidi Ifni ein Generalstreik statt, an dem die Bevölkerung massiv teilnahm. Gleichzeitig versammelten sich ATTAC angehörende Demonstranten vor dem Gericht von Agadir.  Das Urteil wurde um 3 Uhr morgens am Freitag dem 10.6. gefällt. Der Prozess hatte am vorherigen Tag in der Gegenwart von mehreren Beobachtern begonnen, nämlich ein der Gruppe Recht und Solidarität angehörender Rechtsanwalt, ein Vertreter von ATTAC Frankreich, einer von ATTAC-Togo, ein Vertreter der Vereinigung maghrebinischer Arbeiter in Frankreich, ein Vertreter der Menschenrechtlergruppe ASHDOM, Mitglieder von ATTAC Marokko, usw.  

Zum Erstaunen vieler Beobachter fiel das Urteil verhältnismäßig milde aus, im Vergleich zu den Strafmaßen, die üblicherweise von marokkanischen Gerichten in politischen Prozessen gefällt werden. Trotzdem stellen diese Urteile einen Skandal dar.   Im Prozessverlauf bewiesen die Rechtsanwälte, dass die von der Staatsanwaltschaft vertretenen Anklagepunkte sich auf keine Beweise stützten konnten und dass das Gericht infolgedessen verpflichtet gewesen wäre, ganz einfach die Strafuntersuchung einzustellen und alle Angeklagten freizusprechen. Eine solche juristische Inkonsequenz wird offensichtlich, sobald man die äußerst schwerwiegenden Anklagepunkte betrachtet, die vom Untersuchungsrichter behauptet worden waren: “Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und deren Anführung“, „Mordversuch“, „bewaffnete Versammlung“, „öffentliches Tragen von Waffen bei einer Kundgebung“, sowie „Zerstörung von Industrieanlagen und einer Hafenanlage“.

Die vom Richter ausgesprochenen Strafen sind also unzulässig, da es sich einfach um Leute handelte, die mehr soziale Gerechtigkeit verlangten und ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit ausübten: Nur 3 von ihnen wurden freigesprochen. Zehn erhielten Gefängnisstrafen von  8 bis 18 Monaten und 6 von ihnen erhielten Strafen von 1 Jahr mit Bewährung. (…)

ATTAC Frankreich erklärt sich solidarisch mit den verurteilten Aktivisten, ihrer Familien, der Bevölkerung von Sidi Ifni sowie mit ATTAC Marokko, die auf ihrer kürzlich abgehaltenen Frühlingsuniversität diese Frage in den Vordergrund stellte.

Die Kämpfe um Freiheit und Demokratie, die Kämpfe um eine Gesellschaft, die allen ein Einkommen und einen Platz in der Gesellschaft garantiert, kennen keine Staatsgrenzen. 

Eine andere Welt ist möglich und notwendig!

ATTAC Frankreich und ATTAC Marokko bedanken sich bei den Teilnehmern an der von ATTAC Frankreich veranstalteten Universität 2008, die zum Solidaritätsfonds beitrugen. Deren Spenden wurden für die Teilnahme eines Rechtsanwalts am Prozess verwendet.

> http://www.france.attac.org/spip.php?article9829

Erklärung von Attac Marokko, 14.4.2009

(Manche Abschnitte sind mit der Erklärung von Attac Frankreich identisch, wir begrenzen uns also hier auf die zusätzlichen Ausführungen, SiG:Redaktion)

Attac Marokko erklärt seine volle Solidarität mit den verurteilten Aktivisten, mit ihren Familien und mit der Bevölkerung von Sidi Ifni.

Attac Marokko fordert

die Freilassung aller Gefangenen,

die Durchführung einer Untersuchung über die Gewalttaten vom 7.6.2008 und die Verfolgung der Verantwortlichen,

die Ausarbeitung und die Umsetzung eines echten Entwicklungsplans für die Region unter Beteiligung der Bürgerbewegung, die einen solchen Plan gefordert hat.

Attac bedankt sich bei allen Menschen, Aktivisten und Organisationen (insbesondere bei den Attac-Verbänden und dem CADTM-Netzwerk) , die seit vorigen Juni ihre feste Solidarität mit den Opfern der Unterdrückung in Sid Ifni ausgedrückt haben – sowohl in Marokko als auch im Ausland.

Attac Marokko bekräftigt ihre Forderung nach Freilassung alle politischen gefangenen im Marokko und in der Welt und ruft insbesondere zur Solidarität mit den Arbeitern in Redeyef (Tunesien) auf, deren Forderungen und Aktionen mit denen in Sidi Ifni viel Ähnlichkeit haben. 

Französische Übersetzung der Erklärung von Attac Marokko unter :

> http://www.cadtm.org/spip.php?article4321

Über die sozialen Massenbewegung im tunesischen Phosphatbergbaubecken von Gafsa: mehrere Berichte unter

> http://www.labournet.de/internationales/tn/gafsa.html

s. auch (auf Französisch):

> http://www.forumdesalternatives.org/FR/readarticle.php?article_id=4946

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