Die globale Wirtschaftkrise nimmt ihren Lauf, aber in der Erklärung ihrer Ursachen gibt es immer noch keinen Konsens. Die Beiträge auf dem Kapitalismus-Kongress von Attac-D sind inzwischen zum Nachlesen bei VSA als Buch erschienen. Robert Brenner, der das CHAOS der durch das Privateigentum und die Konkurrenz getriebenen, ungeplanten Märkte ins Zentrum seiner Analysen stellt (siehe SiG 65) und die Krise ziemlich präzise vorausgesagt hatte, konnte selbst nicht zum Kongress erscheinen. Deshalb ist in diesem Buch und auf > www.chinaleftreview.org das folgende Interview mit dem koreanischen Ökonomie-Professor Seongjin Jeong erschienen.
Seongjin Jeong: Die meisten Medien und Analysten bezeichnen die derzeitige Krise als eine »Finanzkrise«. Stimmen Sie dieser Charakterisierung zu?
Robert Brenner: Es ist verständlich, dass die Analysten der Krise am Zusammenbruch des Bankwesens und des Wertpapiermarkts angesetzt haben. Aber die Schwierigkeit ist, dass sie nicht tiefer gegangen sind. Die wesentliche Quelle der heutigen Krise ist die nachlassende Dynamik der fortgeschrittenen Ökonomien seit 1973, und insbesondere seit 2000. Die Wirtschaftsleistung in den USA, Westeuropa und Japan ist, Konjunkturzyklus um Konjunkturzyklus, was sämtliche makroökonomische Standardindikatoren angeht – BIP, Investitionen, Realeinkommen und so weiter –, stetig gesunken. Am aufschlussreichsten ist, dass der gerade zu Ende gegangene Konjunkturzyklus von 2001 bis 2007 der bei weitem schwächste der Nachkriegszeit war, und zwar trotz des stärksten staatlich finanzier-ten wirtschaftlichen Impulses der US-amerikanischen Geschichte in Friedenszeiten.
Wie erklären Sie sich die langfristige Abschwächung der Realwirtschaft seit 1973, also das, was Sie in Ihrem Werk den »langen Abschwung« nennen?
Hauptsächlich dafür verantwortlich ist eine starke und anhaltende Abnahme der Renditen für Kapitalinvestitionen seit Ende der 1960er Jahre. Dass die Profitrate sich nicht erholt hat, ist umso bemerkenswerter, als die Steigerung der Realeinkommen in diesem Zeitraum stark zurückgegangen ist. Die Hauptursache, wenn auch nicht die einzige Ursache für die Abnahme der Profitrate ist eine anhaltende Tendenz zur Überkapazität in der weltweiten verarbeitenden Industrie. Eine neue Industriemacht nach der anderen stieg in den Weltmarkt ein – Deutschland und Japan, die nordostasiatischen Schwellenländer, die südostasiatischen Tiger und schließlich der chinesische Leviathan. Diese später entwickelten Ökonomien produzierten die gleichen Güter wie die früher entwickelten, nur billiger. Dies führte in einer Branche nach der anderen zu einem zu großen Angebot im Verhältnis zur Nachfrage, sodass die Preise, und damit auch die Profite, sanken.
Darüber hinaus stiegen die Unternehmen, die einen Druck auf ihre Profite verspürten, nicht kleinlaut aus ihrer Branche aus, sondern versuchten mit Hilfe ihrer Innovationskapazitäten ihren Platz zu behaupten und verstärkten daher die Investitionen in neue Technologien. Doch dies steigerte die Überkapazitäten natürlich noch weiter. Aufgrund des Abfalls ihrer Rendite erhielten Kapitalisten für ihre Investitionen geringere Gewinne. Daher hatten sie keine andere Wahl, als das Expansionstempo ihrer Betriebe, des dort angelegten Kapitals und der Beschäftigung zu drosseln. Gleichzeitig hielten sie, um die Rentabilität wiederherzustellen, die Löhne niedrig, und die Regierungen reduzierten das Wachstum der Sozialausgaben. Doch langfristig zogen all diese Ausgabenkürzungen ein Problem der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage nach sich, deren anhaltende Schwäche die unmittelbare Quelle der langen Wirtschaftsflaute ist.
Sie haben in prophetischer Weise die derzeitige Krise sowie die Rezession von 2001 vorhergesagt. Was ist Ihre Prognose für die Weltwirtschaft heute? Wird es ihr noch schlechter gehen, oder wird sie sich noch vor Ende 2009 erholen? Erwarten Sie, dass die derzeitige Krise so schwer wird wie die Große Depression?
Die derzeitige Krise ist ernster als die bislang schlimmste Rezession der Nachkriegszeit, zwischen 1979 und 1982, und wird möglicherweise der Großen Depression gleichkommen, obwohl man das nicht wirklich wissen kann. Wirtschaftsprognostiker haben ihre Schwere unterschätzt, weil sie die Stärke der Realwirtschaft überschätzten und nicht berücksichtigten, in welchem Ausmaß sie von der auf Vermögenspreisblasen gestützten Schuldenanhäufung abhängig war.
Es wurde vielfach behauptet, die derzeitige Krise sei eine typische »Minsky-Krise«, keine Marxsche, da das Platzen der finanziellen Spekulationsblasen die zentrale Rolle in dieser Krise gespielt habe. Wie würden Sie darauf antworten?
Ich halte es nicht für hilfreich, die realen und finanziellen Aspekte der Krise in dieser Weise einander gegenüberzustellen. Wie ich betont habe, ist es insofern eine Marxsche Krise, als sie ihre Wurzeln in einem langfristigen Abfall und der Nichterholung der Profitrate hat, was die wesentliche Ursache des bis heute anhaltenden Rückgangs der Kapitalakkumulation darstellt. Nichtsdestotrotz ist es zum Verständnis des aktuellen Einbruchs notwendig, den Zusammenhang zwischen der Schwäche der Realwirtschaft und dem Kollaps des Finanzwesens zu demonstrieren. Hauptbindeglied ist die stetig zunehmende Notwendigkeit von Kreditaufnahmen für das Weiterlaufen der Wirtschaft und der immer größere Verlass der Regierung auf Höhenflüge der Vermögenswerte für das Fortbestehen dieser Verschuldung.
Gelegentlich ist die Rede davon, dass ein neues Paradigma der »Finanzialisierung« oder des »finanzgeleiteten Kapitalismus« zwischen den 1980ern und heute ein so genanntes »Capital Resurgent« (Gérard Duménil) aufrecht erhalten hat. Was halten Sie von der These der »Finanzialisierung«, oder des »finanzgeleiteten Kapitalismus«?
Die Idee eines finanzgeleiteten Kapitalismus ist ein Widerspruch in sich, denn im Allgemeinen – es gibt signifikante Ausnahmen wie das Kundenkreditgeschäft – sind die Finanzrenditen auf fortwährende Gewinnerzielung in der Realwirtschaft angewiesen. Als Reaktion auf den Niedergang der Profitrate in der Realwirtschaft förderten einige Staaten, allen voran die USA, eine Hinwendung zum Finanzwesen, indem sie den Finanzsektor deregulierten. Aber weil die Realwirtschaft weiterhin vor sich hindümpelte, führte die Deregulierung hauptsächlich zu einer Intensivierung der Konkurrenz im Finanzsektor, die wiederum die Gewinnaussichten verschlechterten und noch größere Spekulationen und das Eingehen höherer Risiken förderte.
Der Keynesianismus oder Etatismus steht anscheinend bereit, um als neuer Zeitgeist zurückzukehren. Wie schätzen Sie den wiederauflebenden Keynesianismus oder Etatismus ein? Kann er dazu beitragen, die aktuelle Krise zu überwinden oder zumindest zu mildern?
Die Regierungen haben heute tatsächlich keine andere Wahl als sich in dem Versuch, die Wirtschaft zu retten, dem Keynesianismus und dem Staat zuzuwenden. Schließlich hat sich der freie Markt als vollkommen außerstande erwiesen, wirtschaftliche Katastrophen zu verhindern oder zu meistern, von der Sicherung von Stabilität und Wachstum ganz zu schweigen. Daher sind die politischen Eliten der Welt, die gestern noch die deregulierten Finanzmärkte gefeiert haben, heute plötzlich alle Keynesianer. Aber ob der Keynesianismus im Sinne gewaltiger Staatsdefizite und leichter Kredite zur Ankurbelung der Nachfrage die Wirkung haben kann, die sich viele versprechen, lässt sich bezweifeln. Schließlich erlebten wir in den vergangenen sieben Jahren, dank des Konsums auf Kredit, der durch die Immobilienblase der US-Zentralbank und das Haushaltsdefizit der Bush-Regierung gefördert wurde, den wohl tatsächlich stärksten keynesianischen Wirtschaftsimpuls in Friedenszeiten. Das Resultat war gleichwohl der schwächste Konjunkturzyklus der Nachkriegsepoche.
Heute ist die Herausforderung viel größer. Während die Immobilienblase in sich zusammenfällt und Kredite schwieriger zu bekommen sind, schränken private Haushalte ihren Konsum ein. Als Folge davon leiden Unternehmen unter fallenden Profiten. Sie kürzen daher in rasender Geschwindigkeit Löhne und entlassen Beschäftigte, was zu einer Abwärtsspirale aus sinkender Nachfrage und sinkender Rentabilität führt. Private Haushalte hatten sich lange auf steigende Immobilienpreise verlassen, um höhere Kredite aufnehmen und ohne weiteres Zutun sparen zu können. Aber aufgrund der Schuldenanhäufung werden sie, gerade jetzt, wo die Wirtschaft ihren Konsum am nötigsten hätte, die Kreditaufnahme zurückfahren und das Sparen verstärken müssen.
Ein Großteil des Geldes, das der Staat in die Hände privater Haushalte gibt, wird voraussichtlich gespart und nicht ausgegeben. Da der Keynesianismus die Wirtschaft während der Expansion kaum anschieben konnte, was können wir in der schlimmsten Rezession seit den 1930er Jahren von ihm erwarten? Um eine maßgebliche Auswirkung auf die Wirtschaft zu haben, muss die Obama-Regierung über eine enorme Welle direkter oder indirekter staatlicher Investitionen nachdenken, eigentlich eine Art Staatskapitalismus. Dies umzusetzen erfordert die Überwindung enormer politischer und wirtschaftlicher Hindernisse. Die politische Kultur in den USA steht Staatsbetrieben äußerst ablehnend gegenüber. Gleichzeitig könnten die Höhe der Ausgaben und der Staatsverschuldung den Dollar gefährden. Bis jetzt sind ostasiatische Regierungen glücklich damit, die Defizite der USA zu finanzieren, um den US-amerikanischen Konsum und ihre eigenen Exporte aufrecht zu erhalten. Aber wenn die Krise sogar China einholt, könnte es diesen Staaten unmöglich werden, die US-Defizite zu finanzieren, insbesondere wenn sie zu nie da gewesener Größe anwachsen. Die wahrhaft erschreckende Aussicht auf eine Flucht aus dem Dollar zeichnet sich im Hintergrund bedrohlich ab.
Sie glauben, dass die Krise nur durch die Krise zu überwinden ist? Das ist eine klassische marxistische Antwort.
Ich denke, das ist vermutlich der Fall. Die Analogie wäre Folgendes. Zunächst, in den frühen 1930er Jahren, waren New Deal und Keynesianismus unwirksam. Ja, die ganzen 1930er Jahre hindurch wurde es versäumt, die Bedingungen für einen neuen Boom zu schaffen, wie der Rückfall der Wirtschaft in die tiefe Rezession von 1937/38 veranschaulichte. Aber schließlich resultierte aus der langen Krise der 30er Jahre die Gesundschrumpfung der teuren, wenig Profit einbringenden Produktionsmittel, und so wurden die Rahmenbedingungen für hohe Profitraten geschaffen. Man könnte also sagen, Ende der 1930er Jahre war die potenzielle Profitrate hoch, und es fehlte nur an einem Nachfrageschock. Für diese Nachfrage sorgten natürlich die enormen Rüstungsausgaben für den Zweiten Weltkrieg. So erhielt man während des Krieges hohe Profitraten und diese schufen die notwendige Bedingung für den Nachkriegsboom. Aber ich glaube, selbst wenn man es 1933 mit einem keynesianischen Defizit versucht hätte, hätte es nicht funktioniert, denn man brauchte, in Marx’ Worten, zuerst eine systembereinigende Krise.
Erwarten Sie neue Anknüpfungspunkte für Progressive in einer Welt der jüngsten Fehlschläge des Neoliberalismus?
Die Niederlage des Neoliberalismus eröffnet definitiv große Möglichkeiten, die die Linke zuvor nicht hatte. Der Neoliberalismus fand bei großen Teilen der Bevölkerung nie viel Anklang. Die Arbeiterschaft identifizierte sich nie mit freien Märkten, freiem Finanzwesen und all dem. Aber ich glaube, große Teile der Bevölkerung waren überzeugt, dass dies die einzige Alternative darstellte, sie waren überzeugt von TINA (»there is no alternative«). Aber jetzt hat die Krise den totalen Bankrott der neoliberalen Form der Organisation der Wirtschaft aufgedeckt, und die Veränderung ist bereits spürbar. Sie wurde in der Opposition US-amerikanischer Arbeiter gegen die Rettungsaktionen für die Banken und den Finanzsektor sehr mächtig bekundet. Was sie heute sagen, ist: »Uns wird erzählt, die Rettung der Finanzinstitute, der Finanzmärkte sei der Schlüssel zur Wiederherstellung der Wirtschaft und des Wohlstands. Aber wir glauben das nicht. Wir wollen nicht, dass noch mehr Geld an Leute geht, die uns nur berauben.« Ideologisch besteht also ein großes Vakuum.
Das birgt eine große Chance für linke Ideen. Das Problem ist der sehr geringe Organisationsgrad der Arbeiterschaft, von irgendeinem politischen Ausdruck ganz zu schweigen. Man kann also sagen, die Veränderung im politischen Umfeld, oder dem ideologischen Klima hat eine Riesenmöglichkeit geschaffen, aber sie allein wird nicht für ein progressives Ergebnis sorgen. Daher noch einmal: Die erste Priorität für Progressive – für alle linken Aktivisten – sollte der aktive Versuch einer Wiederbelebung der Arbeiterorganisationen sein. Ohne die Wiederherstellung der Macht der Arbeiterklasse wird wenig Progressives möglich sein, und der einzige Weg, diese Macht wiederherzustellen, ist die Mobilisierung für Protestaktionen. Nur indem die Arbeiterschaft aktiv wird, kollektiv und en masse, wird sie den Grad an Organisiertheit schaffen und die Macht ansammeln können, die notwendig sind, um sozusagen die soziale Grundlage zu liefern für einen Wandel ihres eigenen Bewusstseins, für politische Radikalisierung.
Buch-Tipp:
Robert P. Brenner/Daniela Dahn/Friedhelm Hengsbach/Saskia Sassen u.a.
Kapitalismus am Ende?
Attac: Analysen und Alternativen
240 Seiten; EUR 14.80
ISBN 978-3-89965-350-2
VSA: Verlag Hamburg 2009, > www.vsa-verlag.de/books.php?kat=ta&isbn=978-3-89965-350-2
Die Titelgrafik stammt von Jule Axmann/Attac