„Die Globalisierungskritik findet heute nicht mehr auf der Strasse statt, sie fährt in der gepanzerten Limousine vor.“ So betitelt die Zürcher Zeitung Tagesanzeiger einen Artikel zur Eröffnung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos. Damit sollte darauf hingewiesen werden, dass die Kritik und die Vorschläge, welche die globalisierungskritische Bewegung vor zehn Jahren formulierte, heute am WEF selbst artikuliert würden. Beispielhaft dafür sei die Forderung nach einer Tobin Tax – eine Steuer auf spekulative Finanztransaktionen, mit der die Bewegung attac bekannt wurde – die in jüngster Zeit von Regierungsverantwortlichen wie A. Merkel, G. Brown oder N. Sarkozy aufgenommen wird. Und es ist nicht ein Zufall, dass gerade Sarkozy in Davos die Eröffnungsrede gehalten hat. Denn seit dem Ausbruch der Krise tritt der französische Präsident gerne in den Medien auf, um mit rhetorischen Floskeln die Moralisierung des Kapitalismus zu propagieren; eine exzellente Marketingstrategie, um die Jagd auf die MigrantInnen und die Repression gegen die sich mobilisierenden Lohnabhängigen zu kaschieren. Mit Globalisierungskritik hat dies wenig zu tun.
Globalisierungskritik von unten
Neben einer Demonstration am 30. Januar in Basel, welche um die 500 Menschen versammelte, fand am 29. und 30. Januar an der Universität Basel die Gegenveranstaltung zum WEF statt, die 10. Ausgabe des Anderen Davos.
600 BesucherInnen haben während den zwei Tagen an Konferenzen und Workshops die multiplen Krisen des neoliberalen Kapitalismus debattiert. Dabei kamen neben VertreterInnen der Wissenschaft (C. Wichterich, U. Mäder, G. Achcar u.v.m) vorwiegend Menschen zu Wort, die nicht die Möglichkeit haben, mit dem Hubschrauber vom Flughafen Zürich nach Davos zu gelangen, die jedoch tagtäglich Kämpfe gegen die tödlichen Eigeninteressen einer äusserst kleinen Minderheit der Weltbevölkerung und gegen die Globalisierung des Kapitals führen.
Widerstand zeichnet Konturen einer anderen Welt lautete dann auch der Titel des Anderen Davos. So verlangte z.B. Franco Cavalli, Mitglied der Exekutive der internationalen Vereinigung gegen Krebs, die Verstaatlichung der Pharmaindustrie, die mit ihrer weltweiten Lobbyarbeit den Zugang zur Gesundheitsversorgung einer breiten Bevölkerungsschicht verweigert. Claudia Nogueira, Vertreterin des autonomen Bildungszentrums der Landlosenbewegung in Brasilien (mst), zeigte auf, wie es Frauenkämpfen gelungen ist, sich private Ländereien multinationaler Unternehmen wieder anzueignen. Und Ricardo Antunes, Soziologe aus Brasilien, hinterfragte die alten Strukturen der politischen Arbeit. Dominieren heute noch hierarchische Beziehungen zwischen Partei, Gewerkschaft und sozialen Bewegungen, schlägt er für die Zukunft der Widerstände eine Umkehrung dieser Hierarchie vor und setzte soziale und gewerkschaftliche Mobilisierungen ins Zentrum seiner Überlegungen.
Wie weiter?
An solchen Erfahrungen und Analysen muss die globalisierungskritische Bewegung anknüpfen. Denn ihre Zukunft hängt von der Fähigkeit ab, die politischen Herausforderungen der imperialistischen Kriege, der ökologischen und sozialen Krise etc. offen anzugehen und somit von den Widerständen zu Alternativen überzugehen. Dabei ist es notwendig, sich die theoretischen Fundamente der grundlegenden Kritik des Kapitalismus anzueignen, deren Erneuerung natürlich im Lichte der neusten Erfahrungen sowie der Entwicklung des gegenwärtigen Kapitalismus unumgänglich ist. Die 10. Ausgabe des Anderen Davos stellt einen wichtigen Schritt in diese Richtung dar.