Sozialer Frieden durch Kleinkredite!?

von Christa Wichterich

Der diesjährige Friedensnobelpreis geht an Muhammed Yunus für seine Erfindung der Mikro-Kredite für arme Frauen. Als entwicklungspolitisches Instrument zur Integration von Frauen aus den Dörfern in die neoliberale Markt- und Finanzökonomie haben die kleinen Kredite eine große Wirkung und einen erstaunlichen Multiplikationseffekt gehabt. Als Allheilmittel gegen Armut und Frauenunterdrückung sind sie allerdings ein Täuschungsmanöver meint Christa Wichterich

Muhammed Yunus hatte in den 1970er Jahren eine Idee: wenn die armen Frauen in den Dörfern Bangladeshs nicht zur Bank gehen können, dann muss die Bank eben zu ihnen in die Dörfer gehen. Diese Idee war der Grundstein für ein inzwischen in der Entwicklungspolitik vielfach kopiertes Modell: Mikrokredite für arme Frauen, in Ländern des Südens, neuerdings verstärkt in Osteuropa, aber auch im Norden. Yunus, ein integrer Ökonom, wollte den Frauen mit den Mikro-Finanzierungsprogrammen zur Selbstbefreiung aus Armut und Unterdrückung verhelfen. In welchem Umfang dies gelang, ist zweifelhaft. Was dagegen rundum gelang, war die Integration von Millionen armen Frauen durch Mini-Darlehen in die modernen Finanzdienstleistungssysteme.

Yunus Idee und die Kreditangebote seiner Grameen-Bank waren in viele Richtungen anschlussfähig und wurden von nahezu allen Entwicklungsakteuren begeistert aufgenommen. Sie entsprachen feministischen Forderungen, dass es ohne Zugang von Frauen zu produktiven Ressourcen kein Empowerment geben könne und dass Frauen als Schlüsselgestalten in Entwicklungsprozessen und im Armutsmanagement gestärkt werden müssen. Die Grameen-Bank verzichtete auf die sonst üblichen Sicherheiten. Sie half der viel gepriesenen Rückzahlungsmoral der Frauen durch die Kreditvergabe an eine Gruppe und deren Druck nach. Damit verband sie auch die Einübung der Frauen in die marktökonomische Disziplin und eine Modernisierung der Frauenrolle: bei jedem Treffen stehen die Frauen zum Appell stramm und wiederholen im Sprechchor ihr Gruppengelöbnis: die Gruppe bürgt nicht nur für die Kreditrückzahlung mit stattlichen effektiven Zinsen von 25 %, sie verpflichtet sich auch, sich als Entwicklungsakteurin im Dorf zu betätigen, das Darlehen produktiv zur Erwirtschaftung eines Einkommens und für Konsum zu nutzen, zu sparen, Familienplanung zu betreiben, die Kinder zur Schule zu schicken usw.

Zwillingshaft verkoppelt mit dem Konzept der Mikrofinanzierung unter Verzicht auf sonst übliche Sicherheiten ist das Konzept des Kleinunternehmertums, d.h. der wirtschaftlichen Eigeninitiative. Beide Mikro-Ansätze sollen eine Makro-Wirkung haben, nämlich den Frauen ermöglichen, sich am eigenen Schopf aus der Armut zu ziehen.

Die gesamte Entwicklungsindustrie mit der Weltbank an der Spitze nahm den Geniestreich des Professors aus Bangladesh auf, blies ihn zu milliardenschweren flächendeckenden Programmen auf und erklärte ihn zum universellen Wundermittel gegen die Armut. Über denn Kleinkreditmechanismus werden große Summen in die Länder gepumpt, sodass aus den als bottom-up konzipierten Programmen gigantische top-down-Programme wurden.

Mit der Behauptung, es gäbe ein "Menschenrecht auf Kredit" verknüpfte Yunus sodann das Menschenrechtsparadigma der Vereinten Nationen mit der modernen Finanzwirtschaft und dem neoliberalen Mainstream. Die Kredite sollen eine Brücke schlagen zwischen den Mikro- und den Makrofinanzmärkten. Yunus fordert explizit, dass große Banken und Fondsgesellschaften in das kommerzielle Geschäft mit den Kleinkrediten einsteigen sollen.

Regierungen übernahmen das Konzept freudig als Entlastungsprogramm, um sich aus der Verantwortung für soziale Aufgaben, Umverteilung und direkte Armutsbekämpfung zurückziehen und ein Gros der Verantwortung an die hochgradig motivierten Frauen und ihre "Eigeninitiative" übergeben zu können. Mit ihren Kleinkrediten stehen die Frauen zudem gerade, wenn die Regierungen Großkredite von der Weltbank und anderen für Mikro-Finanzierung beziehen. Die Verschuldung inklusive der Wechselkursschwankungen wird an die Frauen weitergereicht.

Jubelberichte darüber, dass Kleinkredite auf geradem Wege Kleinunternehmertum, Armutsbeseitigung und Wachstum fördern würden, führten dazu, dass 1997 ein Mikrokredit-Gipfels veranstaltet und 2005 von den UN zum "Internationalen Jahr des Mikrokredits" ausgerufen wurde. Grameen-Bank, so das Wallstreet Journal, sei zu einem Symbol geworden "dass der Kapitalismus ebenso für die Armen funktionieren kann wie für die Reichen." (27.11.2001)

Kleinkreditprogramme, so 1997 der damalige Weltbank-Chef Wolfensohn, sind der "Business-Ansatz zur Armutsbekämpfung." Business sollen die Frauen durch – wie es im Entwicklungsjargon heißt - "einkommenschaffende Tätigkeiten" machen. Business macht inzwischen vor allem aber mit vielen kleinen Krediten für viele rückzahlungstreue Frauen der gesamte Bankensektor, zunehmend auch der private - nach dem Motto "viel Kleinvieh macht auch Mist".

Zeitgleich mit der Ausweitung der Programme und den Erfolgsmeldungen entstand im Laufe der Jahre eine wahre Lawine von differenzierenden kritischen Studien, die an dem Mythos der Kredite als Allheilmittel zur Armutsüberwindung, Selbsthilfe und zum Frauen-Empowerment rüttelten. Die Allerärmsten werden nicht erreicht; je ärmer die Frauen, desto weniger verbessert der Kleinkredit ihre wirtschaftliche Situation; für Kleinbäuerinnen ist die Laufzeit zu kurz; für nicht ganz arme Frauen sind die Kredite als Startkapital für ein Geschäft zu klein. Die Ungleichen sind eben auch vor dem Kredit nicht ganz gleich.

Deutlich schaffen die Darlehen eine neue Frauenrolle in den Familien: eine "gute" Frau ist Beschafferin von Geld; dies beanspruchen die Männer dann häufig für ihre eigenen Zwecke. Oft werden Kredite für Notfälle, vor allem für Medikamente ausgegeben oder konsumtiv genutzt. Die Frauen verschulden sich erneut bei den lokalen Wucherern, um pünktlich zurückzuzahlen und geraten wiederholt in eine Verschuldungsspirale. Um Umfeld der Grameen-Bank – und nicht nur dort - nahm die Gewalt gegen Frauen zu, weil Männer mit der neuen Frauenrolle nicht fertig werden Die Frauen aber sind hoffnungslos überfordert mit all den Entwicklungsaufgaben, die sie übernehmen sollen, auch wenn sie sich durch die Zuschreibungen in ihrem Selbstwertgefühl bestätigt und insgesamt empowert fühlen.

Tatsächlich sind Mikrokreditprogramme ein Instrument zur massenhaften Mobilisierung von Frauen. Tatsächlich hilft Mikrofinanzierung, wenn sie mit Trainingsprogrammen einhergeht, vielen Frauen, die Armut besser zu managen, und einigen auch, die Armutsgrenze zu überschreiten. Frauen bringen erstmals einen Gewinn in die Familie ein, sind sichtbar im Dorf, finden mehr Anerkennung und Selbstvertrauen, kontaktieren Behörden und öffentliche Einrichtungen. Doch diese Möglichkeitsstrukturen sind abhängig von den Macht- und Abhängigkeitsstrukturen in den Familien und Dörfern.

All diese ambivalenten Wirkungen und die Erwartung, dass die Armen sich mit eigenen Kräften aus der Armut befreien können, lassen die soziale Ungleichheit und die Mechanismen, die Armut erzeugen, unangetastet. Die Politisierung der Geschlechter- und der Klassenfrage verschwindet im Windkanal des Marktzugangs. Soziale Mobilisierung erfolgt nicht mehr um die Ressourcenfragen: wem gehört das Land, das Wasser, das Saatgut, der Körper der Frauen, die Arbeit der Frauen, die Macht im Dorf? Die Armen kämpfen nicht mehr für Umverteilung und gegen Klassen- und Kastenschranken. Alles reduziert sich auf die Frage: wer bringt einen Kredit nach Hause? Der Kredit entpolitisiert die existentielle Frage des Überlebens und ökonomisiert sie in marktangepasster Form. Mit dieser Entpolitisierung leisten Kleinkredite tatsächlich einen Beitrag zu sozialem Frieden und Konfliktvermeidung, indem sie die Armen mit kleinen Gaben befrieden und die Frauen mit einer Portion Empowerment aussöhnen und in die Lage versetzen, durch Selbsthilfe mit der Armut besser fertig zu werden.

 

Siehe zur Kritik von Mikrokrediten auch: Batliwala, Srilatha/Dhanraj, Deepa (2006): Gender-Mythen, die Frauen instrumentalisieren, in: Peripherie 103, 373-385

 

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